Transferworkshop "Herausforderung
Gesundheitsförderung: Bedarfe und Practices in der IT" am 25. November 2008 in München

IT-Industrie: Gesundheit hängt am seidenen Faden

Der Krankenstand in der IT-Industrie ist niedrig, und in den IT-Unternehmen gibt es eine sehr agile Gesundheitsförderung. Steht also schon alles zum Besten mit der Gesundheit der IT-Beschäftigten? Das Forschungs- und Gestaltungsprojekt DIWA-IT legt eine erste Bestandsaufnahme vor und stellt fest: Unter der Oberfläche sind bedenkliche Tendenzen auszumachen. Stress, Angst und Sinnzweifel, psychische und psychosomatische Krankheitsbilder nehmen zu - die Häufung von Burnout-Fällen ist da nur die Spitze des Eisbergs. Bei einem Transferworkshop am 25. November in München mit 70 Teilnehmern suchten Wissenschaftler aus dem ISF München und dem IAQ gemeinsam mit Unternehmens- und Belegschaftsvertretern von SAP, Software AG und T-Systems Antworten auf die Fragen: Wie können Unternehmen und Beschäftigte rechtzeitig auf die sich abzeichnenden Gefahren reagieren? Welche Ansatzpunkte und Chancen gibt es für eine nachhaltige Gesundheitsförderung?

Download: Pressemitteilung zum Workshop

Der Transferworkshop in München - Ein Überblick

Begrüßung

PD Dr. Andreas Boes (ISF München); Dr. Claudio Zettel (PT DLR)

Andreas BoesClaudio Zettel

Das Projekt DIWA-IT wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und aus dem Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union gefördert. Für den Projektträger im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (PT-DLR) begrüßte Dr. Claudio Zettel die TeilnehmerInnen und nahm dies zum Anlass, das Projekt DIWA-IT in die Förderlandschaft des BMBF einzubetten. Veränderungen in der Arbeitswelt in Verbindung mit dem demografischen Wandel begründen für das Ministerium einen programmatischen Fokus "Innovationsfähigkeit in einer modernen Arbeitswelt", in dem der Förderschwerpunkt "Präventiver Arbeits- und Gesundheitsschutz" von entscheidender Bedeutung ist. Das Projekt DIWA-IT nimmt die Herausforderungen einer innovativen Gesundheitsförderung in einem zentralen Segment moderner Wissensarbeit in den Blick.

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Bericht aus der Praxis:
Betriebliches Gesundheitsmanagement bei SAP.
Bedarfe und Best Practices der Gesundheitsförderung

Dr. Werner Bachmaier, Health & Diversity SAP AG

Werner Bachmeier

Die SAP AG ist heute weltweit der drittgrößte unabhängige Softwareanbieter und muss sich den Herausforderungen veränderter globaler Rahmenbedingungen, einem zunehmend globalisierten Wettbewerb und der Beschleunigung des Wandels von Organisation und Produktionsstrukturen stellen. Dr. Werner Bachmaier analysierte vor diesem Hintergrund den Wandel der Arbeit bei der SAP AG in einem Spannungsfeld von Mobilität, Flexibilität und Dezentralisierung sowie die damit verbundenen Veränderungen in der Belastungssituation der Beschäftigten. Er hob hervor, dass das Ineinandergreifen einer unterstützenden Firmen- und Führungskultur und eines innovativen (persönlichen) Gesundheitsmanagements für einen wirksamen Gesundheitsschutz von zentraler Bedeutung sind. Die SAP AG versucht, diesem Anspruch mit einem ganzheitlichen Ansatz gerecht zu werden, in dem gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen mit umfangreichen Health- und Diversity-Services verbunden werden.

Download: Betriebliches Gesundheitsmanagement bei SAP

Bericht aus der Forschung: Gesundheit am seidenen Faden

PD Dr. Andreas Boes, Katrin Trinks (ISF München)

Andreas Boes

Katrin Trinks

Die Gesundheitssituation in der IT-Branche weist eine erhebliche Grauzone auf, die durch die gängigen Statistiken von Anwesenheitsquoten und Krankenstände nicht hinreichend erfasst wird. PD Dr. Andreas Boes und Katrin Trinks zogen eine Zwischenbilanz aus den laufenden Untersuchungen am ISF München, in denen zahlreiche Tiefeninterviews mit Beschäftigten sowie mit betrieblichen Experten zur Belastungs- und Gesundheitssituation in der IT-Industrie geführt und ausgewertet werden. Der Tenor ist einhellig: Die Belastungen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen, der Stress in der Arbeit droht die leibliche und seelische Gesundheit zu untergraben. Viele Beschäftigte haben die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht, doch eine Krankmeldung erfolgt erst, wenn nichts anderes mehr geht. Vorher werden alle Möglichkeiten, die flexible Arbeitsformen bieten, genutzt, um sie zu vermeiden. In der Ursachenerforschung richtet das Forscherteam die Aufmerksamkeit nicht allein auf die Zunahme von Belastungsfaktoren. Was die Beschäftigten oft für ausgedehnte Arbeitszeiten und Arbeit unter Stress- und Termindruck entschädigt hat, nämlich die Teamgemeinschaft und die positive Führungs- und Vertrauenskultur, ist im Zuge des Kulturwandels der Branche unter Druck geraten. Diese kompensierenden Faktoren können die Mitarbeiter immer weniger im Austarieren zwischen Leistungsbereitschaft und Verantwortung für die eigene Gesundheit unterstützen. Die zentrale These ist: Die Gesundheit der IT-Beschäftigten hängt am seidenen Faden. Zwar glänzt die Branche an der Oberfläche durch niedriger Krankenstände und hoher Anwesenheitsquoten. Unter der Oberfläche jedoch verbergen sich ein hoher Leidensdruck und eine erhebliche Verschlechterung der Belastungs- und Gesundheitssituation.

Download: Gesundheit am seidenen Faden (Präsentation)

Download: Gesundheit am seidenen Faden (Arbeitspapier)

Bericht aus der Forschung: Arbeitslebensphasengerechte Prävention bei Wissensarbeit

Dr. Anja Gerlmaier, IAQ

Anja Gerlmaier

Dr. Anja Gerlmaier demonstrierte die Belastungssituation in der IT-Branche anhand des Ausmaßes psychovegetativer Störungen bei IT-Fachleuten im Vergleich zu anderen Erwerbstätigen. Typische Störungen wie Magenschmerzen, Schlafstörungen, Müdigkeit und Ohrengeräusche treten bei IT-MitarbeiterInnen um ein Vielfaches häufiger auf als im Durchschnitt aller Erwerbstätigen. Im Sinnne eines wirksamen Gesundheitsschutzes plädiert das Forscherteam am IAQ für eine differenzierte Betrachtung unterschiedlicher Risikogruppen und legt in einer ersten Forschungsbilanz Belastungsprofile (u.a. für Berufseinsteiger, Aufsteiger in die Projektverantwortung, Aufgabenwechsler und Mehrstelleninhaber) vor. Fazit: Es können in den verschiedenen Arbeitslebensphasen Beschäftigtengruppen mit einem erhöhten Risikopotenzial für Burnout identifiziert werden. Aufgrund der z.T. unterschiedlichen Belastungs- und Ressourcenkonstellationen erscheint die Entwicklung risikogruppengerechter Präventionsangebote (neben übergreifenden Inhalten wie gesundheitsgerechter Arbeits- und Pausengestaltung) sinnvoll, die der Spezifik der Arbeits- und Belastungssituation Rechnung tragen. Dabei deuten die Ergebnisse darauf hin, dass verstärkt ungeklärte Rollen- und Aufgabenkonflikte sowohl bei der Übernahme von Leitungsverantwortung als auch im Umgang mit Kunden in den Blick genommen werden sollten, die sich aus Sicht des IAQ hinter häufig genannten Stressfaktoren wie Widersprüchlichkeit von Aufgaben und sozialen Konflikten verbergen.

Download: Arbeitslebensphasengerechte Prävention bei Wissensarbeit

World Café: Gesund arbeiten, leben und altern in der IT-Industrie

Moderation: Andrea Baukrowitz

Poster Worldcafe - Karla Kempgens, ISF München

Eine nachhaltige Gesundheitsförderung in der IT-Industrie steht vor der Herausforderung, eine Vielzahl bisher nicht hinreichend analysierter Belastungsfaktoren moderner Wissensarbeit sowie eine breite Grauzone zwischen "krank" und "gesund" jenseits von Krankenständen und Anwesenheitsquoten besser auszuleuchten und auf dieser Basis innovative Konzepte der Gesundheitsförderung zu entwickeln. Im Anschluss an die Präsentation zu den Herausforderungen und Lösungsansätzen in der Gesundheitsförderung sollte mit einer World-Café-Phase für alle TeilnehmerInnen die Gelegenheit geschaffen werden, hierzu ihre Erfahrungen und Einschätzungen auszutauschen. Die Veranstalter hatten sich das Ziel gesetzt, diesen Erfahrungsaustausch mit einer aktiven Auseinandersetzung mit den vorgestellten Forschungsergebnissen zu verbinden, um selbst Impulse für die weitere Forschung zu erhalten. Es wurde hierfür ein methodisches Konzept entwickelt, das auf der World-Café-Methode basiert. Mit diesem Konzept ist es gelungen, wesentliche Aspekte der vorangegangenen Berichte aus Praxis und Forschung zu thematisieren und in eine gemeinsame Diskussion der unterschiedlichen Erfahrungen einzutreten. Das „Networking“ der Teilnehmer untereinander sowie zwischen Forschern und Paktikern wurde intensiviert, so dass hier für die weitere gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsarbeit im Projekt DIWA-IT gute Grundlagen geschaffen wurden. 

Gruppe Worldcafe

Insgesamt wurde deutlich: Die Gesundheitssituation in den IT-Unternehmen stellt sich widersprüchlich dar, denn niedrige Krankenstände sind mit einer hohen Belastung verbunden. Es wird erwartet, dass sich die Gesundheits- und Belastungssituation in den nächsten Jahren weiter zuspitzen wird. Steigender Leistungsdruck, der Zwang, sich permanent bewähren zu müssen, sowie Probleme, bei steigender Arbeitszeit eine sinnvolle Balance zwischen Arbeiten und Leben zu erreichen, sind zentrale Faktoren, die ursächlich dafür sind, dass der Spaß an der Arbeit, der lange Zeit das Selbstbild der Beschäftigten prägte, in erheblichem Ausmaß Leidenserfahrungen gewichen ist.  Führungskräfte sehen sich hier besonders betroffen, da sie in ihren Gestaltungsmöglichkeiten erheblich eingeschränkt werden - sowohl für sich selbst als auch für ihre Mitarbeiter. Beschäftigte - so ein Fazit - stehen heute vor der Herausforderung, selbst aktiv Grenzen gegenüber Gruppen- und Unternehmenszwängen zu setzen, um eine gesundheitliche Eskalation zu vermeiden.

Download: Dokumentation World Café

Gruppen Worldcafe

Workshops: Gesundheitsförderung in der betrieblichen Praxis

Zum Abschluss der Veranstaltung stand nochmals die betriebliche Praxis im Zentrum. In zwei Workshops hatten die TeilnehmerInnen die Gelegenheit, sich entweder über betriebliche Konzepte der Gesundheitsförderung aus drei bedeutenden IT-Unternehmen oder über erfolgreiche Instrumente der Stressprävention zu informieren und diese zu diskutieren.

Workshop 1: Praxis-Inputs zu Best Practice in der betrieblichen Gesundheitsförderung

Moderation: PD Dr. Andreas Boes

Im Zentrum dieses Workshops standen Praxisberichte aus der Software AG, der T-Systems sowie nochmals aus der SAP AG.

Rainer Burkhardt (Software AG, Vorsitzender des Betriebsrats) stellte die Maßnahmen zur Gesundheitsförderung bei der Software AG dar und formulierte als Herausforderungen für die Zukunft, das Thema Arbeitsbelastung verstärkt in Zusammenarbeit von Betriebsrat, HR und Betriebsarzt anzugehen und dabei Führungskräfte für das Thema zu sensibilisieren (insbesondere mit Blick auf die Wertschätzung der Mitarbeiter und die stärkere Berücksichtigung des Gesundheitsschutzes in den Zielvereinbarungen). Wichtig sei dafür aber auch ein Umdenken im Vorstand und den hier formulierten Unternehmenszielen (Gesundheit versus EBIT).

Download: Gesundheitsfördernde Maßnahmen bei der Software AG

Wilfried Heilmann (T-Systems ES, Leitender Sicherheitsingenieur) analysierte kurz die aktuelle Belastungs- und Gesundheitssituation innerhalb der T-Systems auf Basis einer internen Erhebung und konstatiert eine steigende Anzahl von Langzeiterkrankungen bei einer bedenklichen Häufung von Risikofaktoren bei den Mitarbeitern. Herausforderungen für eine wirksame Gesundheitsprävention sieht er bei der T-Systems vor allem in der Bewältigung der Größe und Komplexität des Konzerns, die ein ganzheitliches Vorgehen erschweren.

Download: Praxisbericht T-Systems

Christiane Kuntz-Mayr (SAP, Sprecherin BR-G - Ausschuss für Gesundheit, Stellv. Betriebsratsvorsitzende), stellte die Gesundheits- und Belastungssituation in der SAP AG aus Sicht des Betriebsrats dar. Mit Blick auf die Belastungsfaktoren ging sie auf die Aspekte Leistungsdruck, Arbeitszeit, Virtualität der Arbeit (bei zunehmender standortübergreifender, globaler Kooperation) sowie Unsicherheit durch Reorganisationen ein. Wichtig sei es, bereits bei jungen Berufseinsteigern auf eine angemessene Balance zwischen Arbeiten und Leben zu achten und die Führungskultur des Unternehmens daran auszurichten. Wichtige Maßnahmen seien eine Gefährdungsanalyse, die auch die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz erfasst, sowie Impulse für eine nachhaltige Gesundheitsförderung über das Instrument Betriebsvereinbarungen.

Download: Impulsreferat Gesundheit bei SAP

Workshop 2: Erfolgreiche Instrumente der Stressprävention bei IT-Arbeit

Moderation: Dr. Erich Latniak, Dorothee Koch, IAQ

Es wurden zwei Instrumente der Stressprävention vorgestellt, die vom IAQ entwickelt und bereits eingesetzt wurden. Es handelt sich hierbei um Workshopkonzepte, durch die eine Sensibilisierung auf allen Unternehmensebenen sowie die Entwicklung und Umsetzung von Präventionsmaßnahmen angeregt werden soll.

Dr. Erich Latniak und Dorothee Koch (IAQ) stellten das Thema „Pausenmanagement“ als Möglichkeit für eine gesundheitsförderliche Gestaltung von IT-Arbeit vor und präsentierte eine Vorgehensweise für Unternehmensworkshops, in denen eine Reflexion des Pausenverhaltens, ein Input über optimales Pausenverhalten sowie die Vorstellung bzw. Entwicklung konkreter Maßnahmen eines intelligenten Pausenmanagements miteinander verbunden werden.

Download: Pausenmanagement für IT-Fachkräfte

Dr. Anja Gerlmaier präsentierte das Instrument der „Stressampel“. Klassische Instrumente der Stressprävention werden von vielen IT-Mitarbeitern eher als Behinderung denn als Schutz wahrgenommen. Gleichzeitig wird häufig die eigene Stresssituation unterschätzt. Workshops unter Nutzung der „Stressampel“ sollen die Wahrnehmung von Stresssymptomen verbessern und zu einer realistischen Bewertung der Gesundheitssituation beitragen. So können IT-Mitarbeiter dabei unterstützt werden, selbst verstärkt Grenzen zu setzen.

Download: Die Stressampel